Urbane Naturentfremdung- Mangos suchen am Waldrand

Bildquelle Rolf van Melis; pixelio.de
Am Waldrand nach Mangos suchen oder „Nature Deficit Order“

Am 8. November dieses Jahres erschien im Forschungsteil des Standard ein Artikel mit dem Namen „Kinder, die am Waldrand Mangos suchen.“

Im Kern des Artikels ging es um eine Studie des „Jugenreport Natur“, welcher seit 20 Jahren das Verhältnis junger Menschen zur Natur verfolgt. Für den 7. Report 2016 wurden 1253 Mädchen und Buben der Klassenstufen 6 und 9 aus Nordrhein-Westfahlen befragt. Das Ergebnis könnte meiner Meinung zum schockierender sein: Nur 35% der Kinder wussten, wo die Sonne aufgeht, nur 12% der Kinder konnten essbare Früchte des Waldes nennen, dafür glaubten manche Schüler/innen, dass man Äpfel und Birnen oder gar Mangos, Bananen oder Ananas in heimischen Wäldern finden kann.

Den Bericht fand ich sehr erschreckend, aber er erstaunte mich nicht, da er sich mit den Ergebnissen meiner Diplomarbeit „Die Bedeutung von Naturerfahrungen im Kindesalter“ deckte, welche im Akademiker Verlag publiziert wurde.

Eine britische Studie fand heraus, dass achtjährige Kinder zwar 78% aller Pokemon Charaktere unterscheiden können, aber nur 53% der gewöhnlichen englischen Tierarten. Imenglischen und britischen Sprachgebrauch hat man für dieses Phänomen auch schon einen neuen Begriff geformt: „Nature Deficit Order“.

Kinder für die Natur begeistern

Mir ist im Rahmen meiner Tätigkeit als Ökopädagogin auch oft aufgefallen, dass jüngere Kinder gut für die Natur zu begeistern sind. Waldausflüge mit Kindergarten- oder Volksschulkindern sind bei den Kindern immer gut angekommen und die Kleinen haben begeistert mitgemacht.

Einmal machte ich einen Waldausflug mit 12-13jährigen Gymnasiast/innen und ich stellte fest, dass bis auf wenige Kinder, die, wie sie mir erzählten, auch mit ihren Eltern oft im Wald und in der Natur waren, nur noch schwer für die Natur zu begeistern waren.

Auch in meiner Diplomarbeit fand ich heraus, dass nur Kinder, deren Eltern sich für Natur interessieren und die somit auch (positive) Naturerfahrungen in der frühen Kindheit machen dürfen, sich später für Natur interessieren und begeistern.

Kein Platz für Naturerfahrungen im Bildungsplan

Leider, so hielt schon Prof. Dr. Roland Albert von der Universität Wien fest, ist „Naturunterricht“ oder „Naturerfahrung“ nicht im Bildungsplan vorgesehen. Es ist schade, dass dieser wichtige Bereich nicht genauso im Bildungsplan oder Lehrplänen verankert wird wie Umweltbildung (Mülltrennung usw.) oder gendersensible Erziehung.

Naturliebe zu entwickeln ist die Basis für das Verständnis, warum etwa Mülltrennung und Maßnahmen zum Klimaschutz wichtig und notwendig sind und nur wer die Möglichkeit erhält, Naturerfahrungen zu machen, kann diese Naturliebe entwickeln.

Ich finde, dass dort, wo das familiäre Umwelt diese Erfahrungen nicht ermöglicht, Kindergarten oder Volksschule einspringen müssten und das würde bedeuten, dass praktisch jeder Kindergarten diese Aufgabe übernehmen müsste. Ausnahme sind wahrscheinlich paradoxerweise Bildungseinrichtungen wie Waldkindergärten, denn Eltern, die ein Kind in einen Waldkindergrten geben, sind höchstwahrscheinlich naturliebend und bieten ihren Sprösslingen auch zuhause die notwendigen Naturerfahrungen.

Kinder vom Land entwickeln aber auch nicht automatisch eine Liebe zur Natur. Gerade am Land sehen viele Menschen die Natur als „Ware“, der möglichst viel Profit zu entlocken ist. Ausnahmen sind hier Biobauern, die meisten Imker/innen und ein paar altmodische Kleinbauern. Sie leben von- und mit der Natur und haben begriffen, dass man nur von der Natur leben kann, wenn man rücksichtsvoll mit der Natur lebt und respektvoll mit ihr umgeht. Diese Menschen haben verstanden, dass ein permanentes Ausbeuten der Natur nicht nachhaltig sein kann.

Die Kinder und ich kommen leider auch nicht so oft in den Wald, wie wir eigentlich möchten. Ich bin froh, dass wir zumindest jedes Jahr unsere Naturwoche haben, sprich unsere Almwoche auf der Wansingalm verbringen, wo wir seit 2010 Stammgäste sind. Aber auch in den Jahren davor verbrachten wir jeden Sommer eine Woche auf einem Bauernhof. In dieser Woche steht das Naturerlebnis im Vordergrund. Die Kinder konnten am Bach spielen, Tierchen unter Steinen entdecken, im Wald Entdeckungen machen und heimische Tiere kennenlernen. Jetzt, wo sie größer sind, gehen wir Heidelbeeren pflücken, Eierschwammerl suchen oder suchen nach Steinfliegenlarven im Bach. Gerne gehen wir auch wandern, lauschen den Murmeltieren oder halten Ausschau nach Kröten, Steinadlern und Bartgeiern. Die Kinder haben ihre Verbindung zur Natur nicht verloren und ich bin froh, dass sie auch jetzt im „coolen Teenageralter“ Natur genießen können!

 

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