..doch jeder geht vorbei…

Stell Dir vor es ist kurz vor Weihnachten

Stell Dir vor es ist kurz vor Weihnachten. Du bist auf einem Schnellbahn-Bahnhof in Wien (oder es könnte wohl auch anderswo sein) und es geht Dir schlecht. Richtig schlecht. Dann hast Du hoffentlich das Glück, dass ein netter Mensch vorbei kommt- und Dir hilft. Das ist leider nicht immer der Fall; erst vor zwei Tagen ging es einem Mann richtig schlecht. Mitten auf einem Bahnhof. Mitten unter Menschen. Mitten in Wien. Aber jeder ging vorbei. Niemand merkte, wie schlecht es dem armen Kerl ging. War ja nur wieder mal so ein Obdachloser. Niemand merkte, dass er zu atmen aufhörte. Als es endlich jemandem auffiel, dass er nicht atmet, war er schon in der Totenstarre.

Reglos am Bahnhof Landstraße

Etwa eine Woche vorher hatte ich an einem Wiener Institut für Erwachsenenbildung einen Kosmetik-Workshop. Ich musste am Knotenpunkt Wien Mitte-Landstraße umsteigen. In der Nähe der Fahrscheinautomaten lag unter einem Mistkübel regungslos ein Mann. Vor mir gingen sicher über 10 Leute von allen Seiten an ihm vorbei. Bemerkten ihn nicht oder warfen ihm nur einen verächtlichen Blick zu. Meinen Koffer mit Workshop-Utensilien im Schlepptau näherte ich mich dem Mann, hockte mich nieder und schaute mal nach; war er bei Bewusstsein? Atmet er oder will er sich „wirklich nur ausschlafen?“ Ich merkte, dass er nicht bewusstlos war, sondern nur benommen und sprach ihn an. Wie es ihm gehe, ob er Hilfe brauche. Er wollte Hilfe und auch, dass ich die Rettung rufe. Eine weitere, sehr bemühte Dame kam hinzu. Sie kümmerte sich rührend um den Herrn (auch so was gibt es noch in unserer Welt) und erfuhr, dass der Mann schweren Liebeskummer hatte und offenbar wegen Depressionen bereits in Behandlung stand. Drogen und ein Übermaß an Alkohol hatten ihn nun im wahrsten Sinne des Wortes auf den Boden „geprackt“. Bis die Rettung kam, boten noch zwei weitere Herren ihre Hilfe an. Manchmal bleibt doch wer stehen…

Es geht auch anders…

Ich hatte vor Jahren in Südamerika, in Venezuela, einen Unfall. Ich stürzte in einen Abwasserkanal und blieb mit stark blutender, gebrochener Nase liegen. Bei mir ging niemand vorbei. So schnell konnte ich gar nicht schauen, hatten mich die lieben Menschen rausgezogen, auf einen Stuhl gesetzt und dann wurde ich von allen Seiten versorgt. Trotz Schock und Schmerzen war ich aufs Innerste gerührt und bin es heute noch, wenn ich an die lieben Menschen denke.

Warum aber geht jeder vorbei, wenn am Bahnhof ein Mensch am Boden liegt? Weil es wahrscheinlich eh nur ein Sandler ist? Ist es der nicht wert, dass man hilft? Zumindest die Rettung ruft? Ist es zu viel Mühe oder zu viel Zeitaufwand nachzusehen, was einem Menschen, der Hilfe braucht, fehlt?

Stehen bleiben für einen Mitmenschen

Als Mensch und Mutter hoffe ich halt, dass es immer wieder Menschen gibt, die doch stehen bleiben und nachschauen oder nachfragen. Damit es meinen Kindern, meinen Lieben oder mir nicht so geht wie dem armen Kerl, der mitten in Wien, mitten unter Menschen kurz vor Weihnachten erfrieren musste, weil keiner hinsah oder helfen wollte.

schneemann00012

 

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